Wozu ist das Rathaus da?
Es ist der Arbeitsort für die Mitarbeiter der Stadtverwaltung und den Stadtrat und Anlaufstelle für die Bürger für ihre Rechte und Pflichten als Einwohner der Stadt.
Die in diesem Rahmen zu erledigenden Aufgaben haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten deutlich verändert und sind immer mehr geworden. Und es ist zu erwarten, dass sie sich in den kommenden Jahren noch dramatischer ändern werden.
Diese Veränderungen und neuen Herausforderungen erfordern mehr und andere Kompetenzen und andere Arbeitsweisen. Vor allem technische Kompetenzen sind immer mehr vonnöten: Ingenieure verschiedener Fachrichtungen: Hoch- und Tiefbau, Wasserbau, Verkehr, Straßenbau usw., zudem Informatiker und IT-Techniker für die Digitalisierung aber auch z.B. soziale und organisatorische Kompetenzen: Psychologen, Projektmanager, Organisationsentwickler, Wirtschafts- und Steuerfachleute, um nur einige zu nennen, auch juristische Kompetenzen sind immer mehr vonnöten.
Entsprechend vielfältig werden die Arbeitsprozesse: z.B. weniger serielle Aktenbearbeitung in umschriebenen Abläufen und deutlich mehr Projekt- und Entwicklungsarbeit.
Hinzu kommt dass immer mehr Prozesse digital ablaufen und damit -wenn die Prozesse auf die digitale Welt sinnvoll umgestellt werden – sowohl effizienter als auch schneller und flexibler werden können. Auch die Arbeitsplätze selbst werden flexibler: der persönliche Arbeitsplatz ist nicht mehr der konkrete Schreibtisch sondern die individuelle digitale Umgebung, die mit der individuellen Kennung aufgespannt wird.
Natürlich stellen diese neuen Abläufe auch ganz neue Anforderungen an die Räumlichkeiten in denen sie stattfinden. Das macht die Planung eines neuen Rathauses zu einer komplexen und spannenden Aufgabe. Es eröffnet die Chance die Infrastruktur für die veränderten Arbeitsbedingungen bereitzustellen und nicht mehr benötigte Ressourcen wegzulassen. Also z.B. mehr digitale Infrastruktur, mehr Räume für gemeinsame Projektarbeit und nur noch so viele Schreibtische wie jeweils gerade benötigt werden. Schon immer hatten Mitarbeiter Urlaub, Krankheitstage, Dienstreisen, Fortbildungen, Außentermine etc.. Nun ist auch noch die Möglichkeit des mobilen Arbeitens dazu gekommen. Deshalb planen andere Kommunen, die ihre Rathäuser umbauen oder neu bauen mit ‚Desksharingquoten‘ von 60 bis 80% je nach Aufgabenbereich, d.h. für 100 Mitarbeiter sind 60 bis 80 Schreibtische vorhanden.
Straelen plant ein schönes neues Gebäude einladend für die Bürger mit Dachterrasse. Die IT-Infrastruktur ist verbessert und Besprechungsräume sind eingeplant. Aber Desksharing gibt es nur für den Rat. Die Arbeitsräume für die Mitarbeiter sind genauso organisiert wie früher und es sind sogar mehr Schreibtische geplant als Mitarbeiter vorhanden sind.
Mit dem Onlinezugangsgesetz (OZG) hat der Bundestag schon seit einiger Zeit insbesondere die Kommunen verpflichtet hunderte Verwaltungsvorgänge nach und nach zu digitalisieren und automatisieren, sodass die Datenerfassung auf den Bürger verlagert wird und in der Verwaltung die Vorgänge ganz oder zumindest teilweise automatisch bearbeitet werden, so wie es z.B. bei Bankgeschäften, Ticketbestellungen oder Steuererklärungen schon lange der Fall ist. Wenn das OZG adäquat umgesetzt wird, werden die vorher für diese Vorgänge eingesetzten Arbeitskontingente eingespart, sodass auch Arbeitsplätze wegfallen werden, selbst wenn zu erwarten ist, dass wie in den letzten Jahren, auch in Zukunft den Kommunen weitere neue Aufgaben vom Landtag und Bundestag zugewiesen werden.
Die Chance Arbeitsweisen und Arbeitsabläufe zu überdenken, neu zu strukturieren und auf digitale Abläufe an zu passen und die Verwaltungsstruktur weiter zu entwickeln wurde nicht ergriffen.
Bisherige Strukturen und Arbeitsweisen mit zu schleppen und Strukturen für digitale Arbeit und Projektarbeit etc. vor zu sehen bläht den Raumbedarf und damit die Kosten maßlos auf und verzögert nur den notwendigen Kulturwandel.
Entscheidungen und sinnvolle und notwendige Veränderungen vor sich her zu schieben ist nicht nur teuer, es verringert auch mittelfristig die Gestaltungsspielräume und mindert die Anziehungskraft der Stadt Straelen als Arbeitgeber.
Jetzt sollen wir also ein schönes neues Rathaus bekommen mit überdimensionierten Räumlichkeiten für eine Arbeitsstruktur mit wenig Zukunft.
Stefan Kemmerling
